Neunundneunzig Prozent der weltweiten Hopfenernte gehen in die Brauwirtschaft. Wer Hopfen sagt, meint im Grunde Bier-Hopfen. Theresa Locher, Geschäftsführerin des Hopfenpflanzerverbands Tettnang,…
Neunundneunzig Prozent der weltweiten Hopfenernte gehen in die Brauwirtschaft. Wer Hopfen sagt, meint im Grunde Bier-Hopfen. Theresa Locher, Geschäftsführerin des Hopfenpflanzerverbands Tettnang, sagt es einfach. Neunundneunzig Prozent vom Hopfen sei für die Bierproduktion da.
Das verbleibende eine Prozent landet woanders. Und genau dort wird die Frage interessant: was wirkt Hopfen eigentlich, wenn er nicht im Bier ist?
Was im Bier passiert
Die Wirkung im Bier ist das Hauptthema. Drei Sachen passieren gleichzeitig. Erstens Bittere durch die Alphasäuren in der Hopfendolde. Zweitens Aroma durch mehrere hundert ätherische Öle. Drittens Haltbarkeit durch antibakterielle Gerbstoffe und Alphasäuren. Theresa fasst das letzte zusammen. Diese Gerbstoffe und Alphasäuren machten das Bier haltbar. Das sei quasi antibakteriell der Hopfen.
Mehr dazu im Artikel Hopfen im Bier. Das ist die Hauptwirkung, und sie ist umfassend.
Hopfen-Tee als Beruhigungsmittel
Außerhalb der Brauerei taucht Hopfen am häufigsten in der Naturheilkunde auf. Hopfen-Tee, oft kombiniert mit Baldrian und Melisse, gilt als beruhigend und schlaffördernd. Die Wirkstoffe, die hier eine Rolle spielen, sind dieselben, die im Bier landen: die Bitterstoffe der Hopfendolde, vor allem Lupulon und Humulon. Diese sollen über den GABA-Rezeptor im Gehirn ähnlich wirken wie Baldrian. Wissenschaftlich ist die Wirkung bei Hopfen-Tee nicht so klar belegt wie etwa bei Baldrian. Studien gibt es, sie sind aber kleiner und älter.
Wer Hopfen-Tee aus dem Reformhaus trinkt, bekommt getrocknete, oft zerkleinerte Hopfendolden. Der Tee schmeckt sehr bitter, deshalb wird er meistens mit anderen Kräutern gemischt.
Xanthohumon und die Krebsforschung
Eine wissenschaftlich spannendere Spur ist das Xanthohumon. Es ist ein sekundärer Pflanzenstoff, der nur im Hopfen vorkommt und in der Dolde sitzt. Theresa erwähnt es selbst. Das Xanthohumon sei zum Beispiel auch ein Bestandteil vom Hopfen, von der vielfältigen Zusammensetzung. Man sage nachweislich, dass es sich auch in der Krebsforschung positiv einbringe.
Studien zu Xanthohumon laufen seit etwa zwanzig Jahren. In Laborversuchen und Zellkulturen zeigt der Stoff eine antitumorale Wirkung gegen verschiedene Krebsarten, darunter Brustkrebs, Prostatakrebs und Leukämie. Es gibt Hinweise auf entzündungshemmende und antibakterielle Wirkung. Bisher sind das Befunde aus der Grundlagenforschung. Klinische Studien am Menschen sind selten und nicht groß genug, um daraus eine empfohlene Anwendung abzuleiten.
Wer mit der Hoffnung Hopfen-Bier trinkt, gegen Krebs vorzubeugen, hat trotzdem wenig davon. Die Xanthohumon-Konzentration im fertigen Bier ist sehr niedrig, weil der Stoff beim Brauprozess weitgehend abgebaut wird. Es gibt mittlerweile spezielle Bier-Sorten, die mit erhöhtem Xanthohumon-Gehalt gebraut werden, sogenannte XAN-Biere. Sie sind selten und in der Regel teurer als normales Bier.
Hopfen in der Kosmetik
In der Kosmetik wird Hopfenextrakt eingesetzt, vor allem in Haarpflegeprodukten und in Hautpflege für reife Haut. Die Anwendungsgebiete sind: festigende Haarpflege (Hopfenextrakt soll die Kopfhaut stimulieren) und Anti-Aging (durch antioxidativ wirkende Polyphenole und phytoöstrogen-ähnliche Stoffe). Die Wirkung ist nicht so klar belegt wie bei Brauanwendungen, aber unschädlich ist Hopfenextrakt in der Regel.
Die Mengen, die hier verbraucht werden, sind im Vergleich zur Brauwirtschaft minimal.
Phytoöstrogene und die Frauenfrage
Hopfen enthält Stoffe, die östrogenartig wirken. 8-Prenylnaringenin, ein Inhaltsstoff der Dolde, gilt als eines der stärksten bekannten Phytoöstrogene. Studien deuten darauf hin, dass Hopfen-Präparate Wechseljahresbeschwerden mildern können. Dafür gibt es im Apothekenmarkt verschiedene Präparate, oft kombiniert mit anderen pflanzlichen Östrogen-Quellen wie Soja oder Rotklee.
Die östrogenartige Wirkung ist auch der Grund, warum Männern, die viel Bier trinken, manchmal eine sogenannte Bierbauch-Brust nachgesagt wird. Wissenschaftlich ist der Zusammenhang allerdings nicht belegt. Die Konzentration im Bier ist zu gering, um klinisch relevante Effekte zu zeigen.
Was zwischen den 99 und den 1 Prozent steht
Die Hauptverwendung bleibt das Bier. Daran wird sich absehbar nichts ändern. Die anderen Anwendungen sind interessante Nischen. Theresa schiebt das im Gespräch routiniert nach. Es gehe noch ein bisschen was in die Kosmetik, ein bisschen was in die Tee-Produktion. Aber genau neunundneunzig Prozent vom Hopfen sei für die Bierproduktion da.
Wer Hopfen Wirkung googelt, bekommt heute überwiegend Antworten zu Tee und Schlaf. Wer den Maßstab will, schaut auf die Brauerei. Dort entscheidet die Pflanze, was Bier ist.
Mehr über die Pflanze und ihre Geschichte im Artikel zum Tettnanger Hopfen. Die Person hinter dem Anbaugebiet im pekuu-Podcast.
