Echte Menschen. Echte Geschichten. Aus deiner Nähe.

pekuu originals

pekuu Original · Reportage · Lesezeit 3 Min.

Tettnang · Oberschwaben

Tettnanger Hopfen: Was die Aromasorte vom Bodensee so besonders macht.

Sieben Meter hoch, dichtes Grün, an Drähten entlang nach oben gewachsen. Urlauber am Bodensee fahren vorbei, halten an, steigen aus. Sie fragen Theresa Locher, was hier wächst, ob das Bohnen seien.

Sieben Meter hoch, dichtes Grün, an Drähten entlang nach oben gewachsen. Urlauber am Bodensee fahren vorbei, halten an, steigen aus. Sie fragen Theresa Locher, was hier wächst, ob das Bohnen seien.

Es sind keine Bohnen. Es ist Tettnanger Hopfen, und genau diese Sorte gibt es weltweit nur an dieser Stelle.

Eine Landsorte aus dem Zufall

Tettnanger Hopfen ist eine sogenannte Landsorte. Das heißt, sie wurde nicht im Labor gezüchtet, sondern hat sich über Jahrzehnte durch Selektion in der Region etabliert. Die Pflanzer haben damals schlicht angeschaut, welche Pflanzen am besten wuchsen, und mit denen weitergearbeitet. Eine Landsorte sei das, sagt Theresa, also nicht gezüchtet, sondern durch Selektion in der Region ansässig geworden.

Verwandt ist der Tettnanger mit dem Saazer aus dem böhmischen Žatec. Theresa erklärt es so: der Tettnanger gehöre dem Saat zur Formenkreis an, einer hochfeinen Aromasorten-Familie, die in mehreren mitteleuropäischen Anbaugebieten zuhause ist.

Die wilde Geschichte am Anfang

Wie der Tettnanger 1844 hierherkam, ist nicht ganz nachvollziehbar dokumentiert. Theresa erzählt es so: man habe damals Wechser, also Hopfen-Setzlinge, hierher geschmuggelt. Es gebe da eine wilde Geschichte. Damals sei der Austausch von Wechsern zwischen Regionen nicht ganz erlaubt gewesen. Aber so kam der Hopfen 1844 planmäßig nach Tettnang.

Den ersten Mustergarten legten der damalige Tettnanger Unteramtsarzt Fidelis von Lentz und sieben weitere Bürger an. Dessen Motto, das bis heute zitiert wird: wo Wein wächst, müsste auch Hopfen gut gedeihen. Tettnang war damals Weinregion. Zehn Jahre nach Lentz‘ Mustergarten gab es schon vier Hektar Hopfenfläche. Weitere zehn Jahre später waren es einundneunzig. Wieder zehn Jahre später hatte der Hopfen mit vierhundert Hektar den Weinbau überholt.

Warum Brauer ihn Feinkostladen nennen

Im Sortenspektrum ist der Tettnanger ein hochfeiner Aromahopfen. Das ist eine Klasse für sich, nicht zu verwechseln mit Bitterhopfen. Bitterhopfen wie Herkules bringen viel Alphasäure und damit Bittere ins Bier. Aromahopfen bringen Duftnuancen, feine Würze, Charakter. Der Tettnanger gilt als Spitzenprodukt dieser Kategorie. Theresa fasst es so. Die Sorte werde sehr geschätzt als Juwel, Feinkostladen sage man auch zum Tettnanger, weil man diese Sorte vor allem hier anbaue.

EXKLUSIV

Video freischalten

Schalten Sie sich weitere hochwertige Inhalte frei.
Jetzt kostenlos freischalten

Verwendet wird er hauptsächlich für Lagerbiere und Pilsner. Internationale Brauereien ordern ihn als Premium-Zutat. Etwa zwei Drittel des Tettnanger Hopfens gehen in den Export. Heute belegt er etwa die Hälfte der Anbaufläche im Tettnanger Anbaugebiet. Seit 2010 ist Tettnanger Hopfen als geschützte geografische Angabe von der EU geschützt.

Was in der Pflanze drinsteckt

Was den Tettnanger ausmacht, ist nicht eine Eigenschaft. Es ist ein Zusammenspiel. Mehrere hundert ätherische Öle, Alphasäuren, Betasäuren, Gerbstoffe, in einer Kombination, die bisher kein Labor reproduzieren kann. Das Aroma, das dabei entsteht, ist im Vergleich zu Hochalpha-Sorten dezent. Feinwürzig, ein bisschen erdig, ein bisschen blumig. Andere Sorten wie Mandarina Bavaria bringen Zitrusfrüchte mit. Der Tettnanger ist subtiler. Das ist seine Stärke.

Die Wuchshöhe ist eine Tettnanger Besonderheit. Während andere Anbaugebiete mit Drahtgerüsten von siebeneinhalb Metern arbeiten, schafft der Tettnanger durch das milde Bodenseeklima noch ein Stück mehr. Mehr Sonne, mehr Niederschlag, längere Vegetationsphase.

Die Wende im Dezember 2024

Im Dezember 2024 hat Tettnang die Zusatzbezeichnung Hopfenstadt zugesprochen bekommen. Mehrere Jahre habe der Prozess gedauert, sagt Theresa. Entschieden wurde es nicht von der Stadt allein, sondern bis hinauf zum Regierungspräsidium. Am dritten Mai gab es die offizielle Übergabe der neuen Ortsschilder. An den Ortseingängen steht jetzt überall Hopfenstadt Tettnang. Eine Wertschätzung, sagt Theresa. Die Stadt zeige damit, dass der Hopfen für sie ein Statussymbol sei.

Wer ihn pflegt

Pflege und Vermarktung der Sorte sind die Aufgabe des Hopfenpflanzerverbands Tettnang. Rund 120 Familienbetriebe arbeiten gemeinsam an einer Sache, die seit 1844 existiert. Theresa Locher ist seit einem Jahr Geschäftsführerin. Ihre Vision klingt klein. Den Tettnanger noch bekannter machen.

Wenn man sieht, wie viele Urlauber die Pflanze für Bohnen halten, ist es eine Aufgabe.


Theresa Locher ist Gast in pekuu audiostories und im Personen-Artikel.