Hohle Fels Schelklingen – 40.000 Jahre Kunstgeschichte, 20 Minuten von Ulm

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Der Hohle Fels in Schelklingen ist keine schöne Höhle. Keine Tropfsteine, keine märchenhaften Säulen, kein türkises Wasser. Er ist eine große, nüchterne Kalkhalle mit etwa 500 Quadratmetern Grundfläche, hohem Gewölbe, trockenem Boden. Und trotzdem ist er für die Menschheit eine der wichtigsten Höhlen überhaupt. In dieser Halle fanden Archäologen die Venus vom Hohle Fels, die älteste figürliche Darstellung eines Menschen, die je entdeckt wurde. Die Venus ist sechs Zentimeter groß, 40.000 Jahre alt, aus Mammutelfenbein geschnitzt.

Warum der Hohle Fels UNESCO-Welterbe ist

Im Juli 2017 erkannte die UNESCO auf ihrer 41. Sitzung in Krakau das Ensemble „Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb“ als Welterbe an. Das Ensemble besteht aus sechs Höhlen in zwei Tälern. Im Achtal bei Schelklingen und Blaubeuren sind es der Hohle Fels, der Sirgenstein und das Geißenklösterle. Im Lonetal bei Niederstotzingen sind es der Bockstein, die Vogelherdhöhle und der Hohlenstein-Stadel.

Gemeinsam ist all diesen Höhlen, dass in ihnen die frühesten Zeugnisse künstlerischer Kreativität des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) weltweit gefunden wurden. Vor rund 40.000 Jahren — in der Fachwelt als „kultureller Urknall“ bezeichnet — begann der Mensch, figürliche Darstellungen zu schnitzen, Flöten aus Knochen und Elfenbein zu bauen, sich selbst Symbolik zu geben.

Nirgendwo auf der Welt wurden ältere vergleichbare Kunstwerke gefunden.

Die Funde aus dem Hohle Fels

Die Venus vom Hohle Fels wurde 2008 bei Grabungen der Universität Tübingen unter der Leitung von Professor Nicholas Conard entdeckt. Sie ist rund sechs Zentimeter groß, aus Mammutelfenbein gefertigt, zeigt eine weibliche Figur mit betonten primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen. Ihr Alter wurde auf mindestens 35.000 Jahre bestimmt, mit hoher Wahrscheinlichkeit eher 40.000 Jahre. Sie ist damit die älteste bisher bekannte figürliche Darstellung eines Menschen überhaupt.

Die Flöte aus Gänsegeierknochen wurde ebenfalls 2008 gefunden. Sie ist knapp 22 Zentimeter lang, hat fünf Fingerlöcher und ein spezielles Mundstück. Zusammen mit den Flöten aus dem benachbarten Geißenklösterle gehört sie zu den ältesten Musikinstrumenten, die je gefunden wurden. Ebenfalls rund 40.000 Jahre alt.

Der Wasservogel aus dem Hohle Fels ist eine kleine Elfenbeinfigur, die einen schwimmenden oder fliegenden Vogel darstellt. Dazu kommen ein Pferdekopf und eine figürliche Darstellung, die an den Löwenmenschen aus dem benachbarten Hohlenstein-Stadel erinnert.

Wo die Funde heute zu sehen sind

Die Originale sind nicht mehr in der Höhle. Die Venus vom Hohle Fels, die Geierknochen-Flöte, der Wasservogel und andere Funde aus dem Achtal werden im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren (URMU) ausgestellt. Das Museum liegt rund 10 Autominuten entfernt und ist für jeden Besuch des Hohle Fels die Ergänzung, ohne die der Ausflug unvollständig bliebe.

Der Löwenmensch, der 31 Zentimeter hohe, aus einem Mammutstoßzahn geschnitzte Mensch-Löwe-Mischwesen, kommt nicht aus dem Hohle Fels, sondern aus dem Hohlenstein-Stadel im Lonetal. Er wird im Museum Ulm aufbewahrt. Mit 31 Zentimetern ist er das größte bekannte Kunstwerk vom Beginn der jüngeren Altsteinzeit.

Was Besucher in der Höhle selbst sehen

Der Hohle Fels ist öffentlich zugänglich. Ein breiter Gang führt aus dem Achtal den Hang hinauf zum großen Portal. Dort betritt man die Hallenhöhle. 500 Quadratmeter Grundfläche. Hohes Gewölbe. Man steht in dem Raum, in dem vor 40.000 Jahren Menschen saßen, Feuer anzündeten, Flöten spielten, Figuren schnitzten.

Die Grabungen der Universität Tübingen finden im Sommer statt, meistens zwischen Juli und September. Wer zu dieser Zeit kommt, kann den aktiven Grabungen zusehen.

Öffnungszeiten

Die Höhle ist saisonal zugänglich, von 1. Mai bis 31. Oktober.

  • Freitag: 14 bis 17 Uhr
  • Samstag und Sonntag: 11 bis 17 Uhr
  • In den Sommerferien BW zusätzlich Mittwoch und Donnerstag: 14 bis 17 Uhr

Öffentliche Führungen samstags um 11:45 Uhr.

Anfahrt

Hohle Fels Parkplatz erreichbar über die Zugangsstraße „Auf dem Hauchen“, 89601 Schelklingen. Von der B492 ausgeschildert.

Von Ulm kommend über die B492 in rund 20 Minuten. Von Blaubeuren über die B492 in rund 8 Minuten. Ein kurzer Waldweg führt vom Parkplatz hoch zum Höhleneingang, etwa 10 Minuten zu Fuß.

Der Hohle Fels und die Laichinger Tiefenhöhle

Beide liegen im Alb-Donau-Kreis, rund 30 Autominuten voneinander entfernt. Aber ihre Rolle ist komplementär, nicht konkurrent. Der Hohle Fels ist archäologisch einzigartig, die Laichinger Tiefenhöhle geologisch einzigartig. Eine zeigt, wie der frühe Mensch vor 40.000 Jahren in der Alb lebte. Die andere zeigt, wie die Alb selbst entstanden ist.

Die vier UNESCO-Welterbe im Alb-Donau-Kreis

Ein Detail, das wenige kennen: Der Alb-Donau-Kreis vereint vier UNESCO-Auszeichnungen auf seinem Gebiet. Neben dem Welterbe „Höhlen und Eiszeitkunst“ ist das Steinzeitdorf Ehrenstein Teil des Welterbes „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“. Dazu kommen der UNESCO Global Geopark Schwäbische Alb und das Biosphärengebiet Schwäbische Alb.

Für wen der Hohle Fels sich lohnt

Für alle mit Interesse an Archäologie, Anthropologie, Urgeschichte. Für Familien mit Kindern ab etwa 8 Jahren, die den Begriff „älteste Kunstwerke der Menschheit“ einordnen können. Für jeden, der in Süddeutschland unterwegs ist und einen der kulturgeschichtlich wichtigsten Orte des Kontinents besuchen will.

Weniger geeignet ist der Hohle Fels für Besucher, die klassische Tropfstein-Erlebnisse suchen. Hier gibt es keine glitzernden Säulen, keine bunten Hallen. Nur einen Raum, der so aussieht wie vor 40.000 Jahren.