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pekuu Original · Reportage · Lesezeit 3 Min.

Tettnang · Oberschwaben

Hopfenanbau in Deutschland: Vier Gebiete, über 40 Prozent der Welt

Theresa Locher, Geschäftsführerin des Hopfenpflanzerverbands Tettnang, sagt einen Satz, der die Weltlage des deutschen Hopfens auf eine sehr lokale Größenordnung herunterbricht. Ich kenne jeden…

Theresa Locher, Geschäftsführerin des Hopfenpflanzerverbands Tettnang, sagt einen Satz, der die Weltlage des deutschen Hopfens auf eine sehr lokale Größenordnung herunterbricht. Ich kenne jeden einzelnen Betrieb, sagt sie. Jeden einzelnen Betriebsleiter. Damit meint sie die rund 120 Familien in ihrem Anbaugebiet am Bodensee. Im selben Moment ist Tettnang aber Teil einer globalen Größenordnung. Über 40 Prozent des weltweit angebauten Hopfens kommen aus Deutschland. Vier Anbaugebiete teilen sich diesen Anteil. Jedes davon hat seine eigene Geschichte, sein eigenes Klima, seine eigene Sortenwelt.

Vier Regionen, vier Welten

Das größte zusammenhängende Hopfenanbaugebiet der Welt liegt in Niederbayern. Theresa nennt es so. In der Hallertau, größten zusammenhängenden Anbaugebiet der Welt. Etwa 17.000 Hektar Anbaufläche, rund zehnmal so groß wie Tettnang. Die Hallertau erstreckt sich zwischen Regensburg und Ingolstadt, mit Zentrum in Wolnzach und Mainburg. Hauptsorten sind Hochalpha-Hopfen wie Herkules, der mit 12 bis 17 Prozent Alphasäure für die Bitterung weltweit eingesetzt wird. Daneben die klassischen Aromasorten Hallertauer Mittelfrüher und Hallertauer Tradition. Klima trocken, Böden lehmig-sandig. Weil die Niederschläge vergleichsweise gering sind, wird hier deutlich mehr bewässert als in Tettnang.

Am südlichen Ende Deutschlands, am nördlichen Bodensee, liegt Tettnang. Rund 1.500 Hektar Anbaufläche, etwa 120 Familienbetriebe, im Schnitt 12 Hektar pro Betrieb. Spezialität: hochfeiner Aromahopfen, allen voran die Landsorte Tettnanger, die seit 1844 hier wächst und weltweit nur hier wächst. Theresa nennt die Größenordnung. Tettnang mache rund dreieinhalb Prozent der weltweiten Hopfenmenge aus. Klein im Vergleich zur Hallertau. Im Aromahopfen-Segment groß. Klimatisch ist Tettnang vom Bodensee als Wärmespeicher geprägt, dazu 1.000 bis 1.100 Millimeter Niederschlag im Jahr. Sie hätten hier sehr wenig unter Bewässerung, weil es noch funktioniere, sagt Theresa.

In Mittelfranken, südlich von Nürnberg, liegt Spalt. Mit rund 700 Hektar das kleinste der vier Anbaugebiete. Hauptsorte ist der Spalter, eine Aromasorte mit eigener Charakteristik, die wie der Tettnanger zum Saat-Formenkreis gehört. Mehr zu dieser Sortenfamilie im Artikel zum Saazer Hopfen. Spalt hat eine sehr alte Hopfentradition mit eigener Stadtgeschichte.

Das jüngste der vier liegt in Mitteldeutschland, zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt: Elbe-Saale. Rund 1.500 Hektar, ähnlich groß wie Tettnang. Aufgebaut wurde der Anbau dort nach der Wende. Klimatisch ist Elbe-Saale eine andere Welt als der Bodensee. Nur 300 bis 400 Millimeter Niederschlag im Jahr. Bewässerung ist hier nicht Notlösung, sondern Standard. Hauptsorten sind Hallertauer Magnum, Hallertauer Tradition und Saphir.

Was diese vier verbindet

Trotz der Unterschiede arbeiten die deutschen Anbaugebiete eng zusammen. Die HVG, die Hopfenverwertungsgenossenschaft, ist 2001 aus den drei Genossenschaften Tettnang, Hallertau und Elbe-Saale fusioniert. Sie ist heute der größte deutsche Hopfenhandel. Theresa arbeitet auch dort, neben dem Pflanzerverband. Der gemeinsame Vertrieb sorgt dafür, dass deutsche Hopfen weltweit als Premium-Produkt wahrgenommen werden.

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Was alle teilen, ist das Familienbetriebs-Modell. Theresa sagt: Sie seien hier im Anbaugebiet aktuell ungefähr 120 Familienbetriebe. In der Hallertau sind es mehr, in Elbe-Saale und Spalt entsprechend weniger. Aber das Prinzip ist überall dasselbe. Hopfenanbau in Deutschland ist nicht Konzern-Landwirtschaft. Es ist eine Branche aus kleinen und mittelgroßen Familienunternehmen, in denen oft drei Generationen gleichzeitig arbeiten.

Der Strukturwandel als Konstante

Das ist die unbequeme Wahrheit hinter der Idylle. Der Strukturwandel hält im Hopfenanbau nicht still. Theresa sagt es offen. Es würden weniger Betriebe, die einzelnen würden größer. Was klein ist, gibt auf. Was groß ist, wächst. Diese Konsolidierung läuft seit Jahrzehnten in allen vier Anbaugebieten. In zwanzig Jahren, vermuten Branchen-Analysten, wird die Zahl der deutschen Hopfenbetriebe deutlich kleiner sein als heute.

Das Spannungsfeld zwischen Tradition und Marktdruck ist überall spürbar. 50 Jahre alte Hopfenpflanzen stehen neben Sortenwechseln, die der Markt verlangt. Familienbetriebe seit Generationen stehen neben internationaler Konkurrenz aus den USA und Tschechien. Wer überleben will, muss spezialisieren oder skalieren.

Was Deutschland besonders macht

Was deutscher Hopfen weltweit auszeichnet, ist die Sortenvielfalt im Aromahopfen-Bereich. Die Hüller Hopfenforschungsanstalt züchtet seit Jahrzehnten neue Sorten, darunter auch Flavor-Hops wie Mandarina Bavaria oder Hallertau Blanc. Sie sind seit etwa zehn Jahren auf dem Markt und werden im internationalen Craft-Beer-Segment nachgefragt. Mehr zu einzelnen Sorten in den Artikeln über Saazer Hopfen, Citra Hopfen und Cascade Hopfen.

Die historischen Anker sind die Saat-Formenkreis-Sorten aus Tettnang und Spalt. An ihnen orientieren sich auch die neueren Züchtungen. Wenn man Theresas Satz vom Anfang noch einmal hört: jeden einzelnen Betriebsleiter kennen. Dann hat man den Maßstab. Hopfenanbau in Deutschland ist global relevant und gleichzeitig lokal in der Hand.


Das Anbaugebiet Tettnang aus der Innenperspektive: Personen-Artikel zu Theresa Locher und pekuu audiostories Podcast.