Im Mai sitzt jemand an jedem einzelnen Hopfenstock. Aus dem Boden kommen pro Pflanze hundert bis zweihundert frische Triebe. Drei bis vier davon bleiben. Der Rest wird weggeschnitten. Auf…
Im Mai sitzt jemand an jedem einzelnen Hopfenstock. Aus dem Boden kommen pro Pflanze hundert bis zweihundert frische Triebe. Drei bis vier davon bleiben. Der Rest wird weggeschnitten. Auf Schwäbisch heißt das nicht Anleiten, sondern Anweisen, oder einfach A-Weise. Theresa Locher beschreibt es genauso. Werde dann praktisch von den hundert Trieben, zweihundert Trieben, die aus dem Boden kommen, drei bis vier Stück pro Pflanze an den Draht angeleitet, der Rest werde weggeschnitten.
Eine Person schafft in dieser Phase grob zwei Hektar Saison. Das ist Hopfen pflanzen, wie es im professionellen Aromahopfen-Anbau wirklich aussieht.
Hopfen wird nicht jedes Jahr neu gepflanzt
Die wichtigste Sache zuerst, weil sie oft missverstanden wird. Hopfen ist eine Dauerkultur. Es werde nicht jedes Jahr frisch gesät oder frisch gesetzt, sagt Theresa. Eine Hopfenpflanze könne, wenn der Markt es zulasse, fünfzig Jahre im Boden bleiben. Was im Mai aus der Erde kommt, ist also nicht eine neugepflanzte Pflanze. Es ist dieselbe Pflanze wie letztes Jahr, nur eben neu ausgetrieben.
Echte Neuanpflanzung passiert nur dann, wenn ein Hopfengarten umgestellt wird, etwa bei Sortenwechsel oder Krankheitsbefall. Dann wird mit sogenannten Fechsern gearbeitet, kleinen Stecklingen aus der Mutterpflanze, oder mit Topfpflanzen. Im Anbaugebiet Tettnang wurden 1984 weltweit erstmals virusfreie Fechser produziert. Das ist bis heute die Basis dafür, dass die Anlagen über Jahrzehnte gesund bleiben.
Wie ein Hopfengarten aufgebaut ist
Ein moderner Hopfengarten sieht wie ein Drahtwald aus. Stahlmasten von ungefähr siebeneinhalb Metern tragen ein horizontales Drahtnetz oben. Im Frühjahr werden von dort Bindedrähte nach unten gespannt, mit einem Steckeisen in der Erde verankert. Pro Pflanzstock zwei Drähte. An diesen Drähten klettert der Hopfen nach oben.
In Tettnang gibt es eine Besonderheit. Wegen des milden Bodenseeklimas und höherer Niederschläge geht die Gerüsthöhe noch ein Stück darüber hinaus. Mehr Höhe bedeutet mehr potenzielle Lichtaufnahme, längere Wuchsphase, mehr Doldenausbildung.
Was im Frühjahr passiert
Im April beginnt das, was Hopfenpflanzer im engeren Sinn pflanzen nennen, obwohl es eigentlich Vegetationsbegleitung ist. Die Pflanze treibt aus dem Erdrhizom hundert bis zweihundert Triebe pro Stock aus. Theresa erklärt, was dann passiert. Schöne dicke Triebe, drei bis vier Stück pro Pflanze, würden an den Draht angeleitet, der Rest weggeschnitten. Die Pflanze soll ihre Energie konzentrieren, nicht zersplittern.
Das Anleiten ist die zeitintensivste Handarbeit im Hopfenjahr. Hopfenpflanzer wie Theresas Familie sind dafür auf Saisonarbeitskräfte angewiesen, vor allem aus Rumänien und Polen. Eine Person, sagt Theresa, schaffe zwei Hektar insgesamt, wenn man so grob über den Daumen breche. Bei den in Tettnang typischen Betriebsgrößen sind das mehrere Wochen mit mehreren Helfern. Mehr zur Verbandsarbeit hier.
Warum man die meisten Triebe wegschneidet
Diese Frage taucht oft auf. Warum nicht alle Triebe stehen lassen, dann gibt es doch mehr Hopfen?
Antwort: nein. Eine Pflanze hat eine begrenzte Energie. Wenn hundert Triebe gleichzeitig wachsen, wird jeder einzelne schwach. Wenn drei bis vier Triebe gewählt werden, dann konzentriert die Pflanze ihre Ressourcen auf diese, und sie werden kräftig, hoch, und entwickeln gute Dolden. Hopfen schneiden ist also nicht Verzicht, sondern Konzentration. Die Pflanze macht das nicht von selbst.
Wie schnell Hopfen wächst
Die kurze Antwort: schnell. Die längere: bei optimalen Wachstumsbedingungen kann ein Hopfentrieb dreißig Zentimeter am Tag wachsen. Nur Bambus ist schneller. Ein einzelner Trieb muss von Anfang Mai bis Mitte Juni eine Höhe von etwa sieben Metern erreichen, sonst kommt er nicht rechtzeitig zur Sommersonnenwende oben an. Wer ihm nicht hilft, dabei rechtsdrehend nach oben zu kommen, der muss nacharbeiten. Hopfen hat feine Klimmhaare, die ihm beim Halten am Draht helfen. Bei Wind oder zu schnellem Wachstum reichen die nicht immer.
Welche Erde, welches Klima
Für Profi-Anbau braucht Hopfen tiefgründigen, gut durchwurzelbaren Boden ohne Staunässe. In Tettnang sind das die Niederterrassen-Schotter aus der Würmeiszeit. Sand, kalkreicher Lehm, gute Drainage. Hopfen sei wie Wein dort am besten zuhause, wo auch Wein noch wächst, also klimatisch im Grenzbereich. Tettnang war ursprünglich eine Weinregion. Das milde Bodenseeklima mit rund tausend bis elfhundert Millimeter Niederschlag im Jahr ist für den Anbau ideal. Andere deutsche Anbaugebiete arbeiten mit deutlich weniger Wasser. Mehr zu den deutschen Anbaugebieten.
Für Hobbygärtner
Wer Hopfen als Sichtschutz oder Zier-Kletterpflanze im Garten möchte, kann das tun. Hopfen ist mehrjährig, treibt jeden Frühling neu aus und schafft auch im Hobby-Garten beachtliche Höhen. Im Profi-Anbau ist die Pflanze allerdings auf Aromaerzeugung gezüchtet. Wer ernsthaft brauen will, braucht spezifische Sorten. Wer einfach grün im Garten möchte, kommt mit jeder beliebigen weiblichen Hopfenpflanze klar.
Mehr über die Person hinter dem Tettnanger Hopfenanbau im Personen-Artikel zu Theresa Locher und im pekuu-Podcast.
