Es ist Ende Juni. Die Pflanzen stehen oben am Bindedraht, sieben Meter über dem Boden, in Tettnang manchmal sogar 8,30 Meter. Acht Wochen haben sie gehabt, um da hochzukommen. Bis zu 30 Zentimeter…
Es ist Ende Juni. Die Pflanzen stehen oben am Bindedraht, sieben Meter über dem Boden, in Tettnang manchmal sogar 8,30 Meter. Acht Wochen haben sie gehabt, um da hochzukommen. Bis zu 30 Zentimeter am Tag. Jetzt sind sie oben. Und dann passiert etwas, das von der Straße aus niemand sieht.
Sie hören auf zu klettern.
Theresa Locher beschreibt diesen Moment in einem Satz, der die ganze Logik der Pflanze umfasst. Die Gerüsthöhe von 7 bis 7,5 Meter erreiche die Pflanze bereits Ende Juni. Da zur Sonnenwende solle der Hopfen die Gerüsthöhe erreicht haben. Dann fange sie an zu blühen.
Warum die Sonnenwende der Wendepunkt ist
Hopfen reagiert auf die Tageslänge. Solange die Tage länger werden, investiert die Pflanze ihre Energie ins Klettern, ins Wachstum nach oben. Sobald die Tage nach dem 21. Juni wieder kürzer werden, kommt das Signal an. Sommer ist halb vorbei. Zeit zum Reproduzieren.
Was die Pflanze biologisch macht, ist ein interner Wechsel der Strategie. Vom vegetativen Wachstum zum generativen. Theresa erklärt es einfach. Dann fange die Hopfenpflanze an zu blühen und wachse nicht mehr im längeren Wachstum, sondern bilde dann die Blüten und Hopfendolden aus.
Aus Blüte wird Dolde
Eine Hopfenblüte ist klein, hellgrün und unspektakulär. Sie sieht aus wie ein lockerer Mini-Zapfen, vielleicht einen Zentimeter lang. Wenn sie reift, schließen sich die Blütenblätter dichter um die Mitte, und das gelbe Lupulinpulver bildet sich an deren Basis. So wird aus der Blüte die Dolde. Drei bis vier Zentimeter, fester, kompakter, voller Inhaltsstoffe.
Botanisch ist es derselbe Blütenstand, nur weiterentwickelt. Was im Juli noch Blüte heißt, heißt im August Dolde. Eine einzelne Pflanze bildet in dieser Phase mehrere Tausend Blüten aus. Die meisten sieht man nie. Sie verstecken sich im üppigen Blätterdach.
Die Drastik des Anbaugebiets
Bis hierher klingt das nach blühender Pflanzenkunde. Aber im realen Anbaugebiet gibt es eine Regel, die für Außenstehende oft schockierend ist.
Hopfen ist zweihäusig. Männliche und weibliche Pflanzen sind getrennt. Im Anbau wird nur die weibliche kultiviert, weil nur sie die brauwichtigen Dolden trägt. Theresa sagt es deutlich. Wir kultivierten im Hopfen nur weibliche Pflanzen. Sobald irgendwo ein männlicher Hopfen sei, werde der ausgerottet. Das sei tatsächlich ziemlich hart bei uns hier im Anbaugebiet.
Hart, weil männliche Wildpflanzen an Bachläufen vorkommen und beim Auftauchen sofort gerodet werden. Hart, weil schon ein einziger männlicher Hopfen ausreichen kann, um in der Umgebung Pollen zu verteilen. Wenn weibliche Dolden befruchtet werden, bilden sie Samen aus. Samen verschlechtern die Schaumstabilität und die Haltbarkeit des Biers. Das ist der harte wirtschaftliche Hintergrund einer Pflanze, die im Juni eigentlich nur friedlich blüht.
Was danach kommt
Nach der Blühphase reifen die Dolden vier bis sechs Wochen lang. Sie werden größer, fester, das Lupulin akkumuliert. Wenn der Brauwert stimmt, kommt die Ernte. Das ist je nach Sorte und Jahrgang Ende August bis Mitte September. Die Aromasorten wie Tettnanger werden früher geerntet, Spätsorten später.
Bis zur Ernte muss die Pflanze nur noch wachsen lassen. Die Pflege ist in dieser Phase weniger arbeitsintensiv als im Mai. Die schwere Handarbeit ist längst gemacht.
Hopfenblüten im Tee und im Bier
Eine Suche nach Hopfenblüten landet im Netz oft bei Tees. Das ist nicht falsch, aber es vermischt zwei Welten. Im Brauwesen meint Hopfenblüten den Blütenstand, der zur Dolde wird. In der Naturheilkunde meint Hopfenblüten getrocknete Dolden, die als Tee aufgegossen werden. Die Pflanze ist dieselbe. Die Verwendung ist anders. Mehr dazu im Artikel über die Hopfen-Wirkung.
99 Prozent der weltweiten Hopfenernte gehen in die Brauerei. Wer im Juni in einem Tettnanger Hopfengarten steht und die jungen Blüten sieht, sieht den Anfang von dem, was am Ende in 40 Prozent der weltweiten Bierproduktion landet.
Wer hinter den Tettnanger Hopfenpflanzern steht, erzählt der Personen-Artikel zu Theresa Locher und der pekuu-Podcast.
