In einer Werkstatt in Hohenstein-Bernloch auf der Schwäbischen Alb steht eine Maschine, die woanders längst ausgemustert wäre. Sie ist über 60 Jahre alt, stammt aus Solingen und polierte zur damaligen Zeit die feinen Klingen einer Stadt, die weltweit für ihre Messer bekannt war. Heute arbeitet sie weiter, aber an einem anderen Ort. Janosch Vecernjes nutzt sie für jede einzelne Klinge, die er baut. Es ist der Kern des Solinger Dünnschliffs, einer Technik, die in Solingen selbst in ihrer traditionellen Form kaum noch Anwendung findet. Der verwandte, historisch berühmtere Name für diese Art Schleifkunst hat einen eigenen Artikel bekommen: Blaupließten.
Was den Solinger Dünnschliff ausmacht
Der Solinger Dünnschliff ist keine Nachschleifung und keine Schärfung. Er ist ein Poliervorgang, mit dem die Oberfläche einer Klinge so bearbeitet wird, dass die Seitenflächen fließend in die Schneide übergehen. Klingt einfach. Ist es nicht. Bei Industriemessern wird die Klinge meist einmal grob geschliffen und dann maschinell auf Hochglanz poliert. Der Solinger Dünnschliff dagegen lässt die Klinge durch eine ganze Reihe von Filzscheiben laufen, die mit Edelkorundpulver in jeweils feinerer Körnung belegt sind. Jede Scheibe bekommt die Klinge. Jede Körnungsstufe wird durchlaufen.
„Bei unseren albMessern kommt der alte Solinger Dünnschliff zum Einsatz“, heißt es auf der Website der Manufaktur. „Dabei polieren wir die Klingen mit Filzscheiben auf einer über 60 Jahre alten Solinger Schleifmaschine. Diese Polierscheiben belegen wir mit Edelkorund in immer feiner werdender Körnung. Jedes albMesser durchwandert jede einzelne dieser Polierscheiben.“ Das Resultat ist eine Oberfläche, die glatter ist, als es in einer Fabrik in dieser Zeitspanne möglich wäre. Und es ist kein optischer Effekt. Die glattere Oberfläche hat Konsequenzen für das Schneiden.
Warum die Klinge weniger Widerstand hat
Ein Messer, das durch eine Tomate gleitet, hat zwei Kontaktflächen mit dem Schnittgut. Die Schneide ganz vorn, die wie ein Keil eintaucht. Und die beiden Seitenflächen, die sich unmittelbar dahinter im Fleisch des Schnittguts bewegen. Wenn diese Seitenflächen rau sind, entsteht Reibung. Der Koch muss mehr drücken. Die Klinge bleibt öfter hängen. Das Schnittgut wird leicht gequetscht.
Beim Solinger Dünnschliff werden genau diese Seitenflächen so fein geschliffen, dass die Klinge fast ohne Reibung durch das Material läuft. „Mit unserer Schleifmethode gehen die Seitenflächen unserer Klingen fließend in die Schneidefläche über. Aufgrund des hierdurch verminderten Widerstandes gleiten unsere Messer leichter durch das Schnittgut“, erklärt die Manufaktur auf ihrer Website. Wer einmal mit einer Klinge aus dieser Werkstatt einen Fisch filetiert hat, versteht das sofort. Die Klinge gleitet. Sie schneidet nicht. Das Gefühl im Handgelenk ist ein anderes.
Ein Verwandter: das Blaupließten
Der Solinger Dünnschliff ist Teil einer Familie von Verfahren, die in der Klingenstadt entwickelt wurden. Eng verwandt ist das sogenannte Blaupließten, eine besonders aufwendige Oberflächenbehandlung, bei der die Klinge eine bläuliche Schattierung annimmt, bevor sie final geschliffen wird. Vecernjes zieht den Vergleich selbst. „Diese sehr aufwändige und anspruchsvolle Oberflächenbehandlung kann man mit dem bekannten Blaupließten vergleichen.“ Beide Techniken haben dasselbe Ziel: eine Klinge, die nach dem Schleifen nicht nur scharf, sondern auch im Gleitverhalten optimiert ist.
Dass diese Techniken überhaupt noch leben, hängt heute an wenigen Werkstätten. In Solingen selbst haben die großen Hersteller ihre Produktion industrialisiert. Die Maschinen sind schneller, die Arbeitsschritte sind reduziert. Wer den Solinger Dünnschliff in seiner Urform sehen will, findet ihn seltener in der Stadt, die ihn erfunden hat, als in Hinterhofwerkstätten wie der von Vecernjes auf der Alb.
Warum die Maschine noch läuft
Die Solinger Schleifmaschine in Vecernjes‘ Werkstatt ist nicht einfach nostalgisch. Sie macht etwas, das eine moderne Maschine nicht besser könnte. Sie läuft langsam. Sie vibriert auf eine bestimmte Weise. Sie hat einen Klang, an dem Vecernjes erkennt, wann eine Klinge fertig ist. „Also ich mache das einfach so lange und so oft und so viel“, sagt er über seine Werkzeuge und über das Gefühl, das sich über Jahrzehnte entwickelt. Die Solinger Maschine ist Teil dieses Gefühls geworden.
Jede albMesser-Klinge durchläuft sie. Vom kleinsten Gemüsemesser bis zum großen Kochmesser, vom Santoku bis zum Filetiermesser und bis zum Damast mit 150 Lagen. Am Ende verlässt jedes Stück die Werkstatt mit einer Oberfläche, die aus der Solinger Klingentradition stammt und auf der Schwäbischen Alb weitergegeben wird. Das ist Handwerksgeschichte, die nicht in einem Museum steht, sondern jeden Tag arbeitet.