Auf einer Hochebene oberhalb von Meidelstetten stehen 140 Islandpferde im Wind. Bernhard Podlech ist mit ihnen aufgewachsen, hat sie gezüchtet, geritten, auf Weltmeisterschaften vorgestellt. Sein Großvater hat in den Fünfzigern die ersten Tiere aus Island nach Deutschland importiert. Wer Islandpferde verstehen will, fängt am besten bei Menschen wie ihm an.
Islandpferde sind eine eigene Welt. Sie sind klein, robust, vielseitig, beherrschen mehr Gangarten als andere Pferde, leben oft über dreißig Jahre und werden von Menschen geritten, die im Sattel sitzen wollen ohne dauernd auf und ab zu hüpfen. Sie kommen aus einer Insel ohne Bäume, in der das Pferd bis 1950 das einzige Lastentier war. Das macht sie zu dem, was sie sind. Diese Übersicht zeigt, was Islandpferde ausmacht, von der Größe bis zur WM, vom Fohlen bis zum Verkauf.
Was ein Islandpferd ist
„Ein Islandpferd ist von der Größe her so zwischen 1,35 Meter und 1,50 Meter“, sagt Bernhard Podlech. Damit liegt es unter dem klassischen Pony-Maß von 1,48 Metern. Trotzdem heißt es Pferd, nicht Pony. Auch in Island und in den Zuchtbüchern. Der Grund liegt im Körperbau und im Tragvermögen. Mehr dazu im Beitrag Sind Isländer Pferde oder Ponys.
Bernhard Podlech beschreibt die Rasse so: „Ein Pferd, was man wirklich für ganz viele Sachen einsetzen kann.“ Trotz seiner kleinen Statur trägt es Erwachsene mühelos. Es ist trittsicher, wetterfest, anspruchslos, kräftig. „Es hat relativ viel Winterfell und kann dadurch auch problemlos bei ganz eisigen und kalten Temperaturen draußen sein.“ Das ist kein Zufall, sondern Anpassung an Island.
Die Farbpalette ist enorm. „Wir haben beim Isländer, also in Island, im Ursprungszuchtbuch sind über 300 eingetragene Farben“, sagt Bernhard. Die Isländer unterscheiden detaillierter, als man es in Deutschland gewohnt ist. Ein heller Fuchs, ein dunkler Fuchs, ein Fuchs mit silberner Mähne, alles eigene Farben. Mehr Details unter Pferde Farben und Pferde Fellfarben.
Die fünf Gangarten
Wenn Menschen über Islandpferde reden, reden sie meistens schnell über Gangarten. Aus gutem Grund. Die meisten Pferderassen kennen drei Gangarten, Schritt, Trab und Galopp. Das Islandpferd kennt zusätzlich den Tölt und beim Fünfgänger den Rennpass.
Der Tölt ist die Gangart, die den Reiter sofort überzeugt. Bernhard Podlech erklärt: „Der Tölt, das kann man sich vorstellen, das ist eine sehr bequeme Gangart, das ist sozusagen wie wenn das Pferd Schritt geht, nur dass es eben auch bis ins hohe Tempo diese Schrittfolge oder Fußfolge gehen kann.“ Der entscheidende Unterschied zu Trab und Galopp: keine Schwebephase. „Im Trab oder im Galopp hat man immer eine Schwebephase, also das Pferd verlässt immer kurz mit allen Vieren auch den Boden, und das ist im Tölt nicht der Fall.“ Dadurch sitzt der Reiter ruhig im Sattel, auch bei hohem Tempo.
Der Rennpass ist die zweite Sondergangart. Sie kommt nur bei Fünfgängern vor. „Der Pass wird aber in hohem Tempo auf kurze Strecke geritten, also in einem Sprint sozusagen, auf möglichst viel Tempo, und eben auf 100 bis 200 Meter sowas als Sprint.“ Die Geschwindigkeit liegt nahe an dem, was ein Vollblut im Galopp erreicht. „Kann durchaus im Rennpass oder im Galopp bis fast 60 km/h erreichen“, sagt Bernhard.
Vier- und Fünfgänger. Nicht jedes Islandpferd kann Pass. „Es gibt Vier- und Fünfgänger, also Viergänger wäre ohne Pass und Fünfgänger mit Pass“, erklärt Bernhard. Die Unterscheidung ist im Sport wichtig, weil die Prüfungen unterschiedlich aufgebaut sind. Ausführlich im Beitrag Islandpferde Gangart und im Vergleich Pferde Gangarten.
Charakter und Wesen
Islandpferde gelten als unkompliziert, aber das ist die halbe Wahrheit. Sie haben Charakter. Bernhard Podlech beschreibt das Lieblingspferd Keila, mit dem er Vize-Weltmeister im Tölt geworden ist, so: „Ein ganz außergewöhnliches Pferd, die immer sehr leistungsbereit ist und immer wirklich gerne mitmacht und arbeitet, aber auch richtig viel Power hat.“ Eine Stute mit Feuer.
Pferde generell, sagt Bernhard, sind sensible Tiere. „Pferde sind einfach sehr sensible Tiere, die auch den Menschen eigentlich schnell spiegeln.“ Was beim Reiter im Kopf vorgeht, kommt im Sattel an. Das gilt für Islandpferde genauso wie für andere Rassen. Der Unterschied liegt eher in der Robustheit. Diese Pferde wurden in einer harten Landschaft gezüchtet, sie sind keine empfindlichen Salonpferde.
Geschichte und Herkunft
Das Islandpferd ist seit über tausend Jahren auf Island. Die Wikinger haben es mitgebracht. Seitdem ist die Population auf der Insel isoliert geblieben, kein anderes Pferd darf rein, ein einmal exportiertes Tier nicht zurück. Daraus ist eine genetisch sehr eigene Rasse entstanden.
Bis vor wenigen Jahrzehnten war das Pferd in Island unverzichtbar. „Das Islampferd ist einfach aus der Zucht und aus der Geschichte heraus ein sehr starkes und robustes Pferd, weil es in Island das einzige Lastentier war oder die einzige Reisemöglichkeit war, das Pferd. Bis 1950 war es üblich, mit dem Pferd in Island zu reisen, weil da gab es noch nicht viele Straßen oder Autos.“
Nach Deutschland kamen Islandpferde erst in den Fünfzigern und Sechzigern. Bernhards Großvater war einer der ersten Importeure. Den Anstoß gaben die Immenhoffilme. „Die ersten Immenhoffilme waren mit Isländern, und von denen gab es welche, die bei meinem Großvater zu Hause standen“, erzählt Bernhard. Daraus entstand bei seinem Großvater die Begeisterung, eigene Tiere anzuschaffen.
Zucht und Aufzucht
Wer ein Islandpferd will, kann eines ziehen. Auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein bringen die Stuten ihre Fohlen draußen auf der Weide zur Welt. „Wenn die Fohlen geboren werden, die Jahreszeit, das geht jetzt Mitte Mai los, ist eigentlich immer die schönste Jahreszeit“, sagt Bernhard Podlech. Die Geburt findet in der Regel ohne menschliche Hilfe statt. „Da ist im Normalfall niemand dabei.“
Was dann kommt, ist Vertrauensarbeit. Die ersten Wochen sind die Stuten skeptisch, halten den Menschen vom Fohlen fern. „Die am Anfang etwas scheuer sind oder wenn die den Menschen noch nicht kennen, auch die Mütter manchmal da gut auf ihre Fohlen achten und erst mal ein bisschen weggehen.“ Mit der Zeit wachsen die Tiere mit dem Menschen zusammen, lernen Halfter, Anfassen, Geführtwerden, Hufgeben. Mehr dazu unter Isländer Fohlen und Pferde Fohlen.
Eingeritten wird das Islandpferd erst spät. „Die Islandpferde werden erst mit vier Jahren eingeritten“, sagt Bernhard. Davor lebt das Jungpferd vor allem im Herdenverband, lernt soziale Strukturen, baut Knochen und Muskeln auf. Das schont das Tier und gibt ihm eine andere Reife als bei Rassen, die früher unter den Sattel kommen.
Allgemeines zur Pferdezucht findet sich im eigenen Beitrag.
Reiten und Ausbildung
Islandpferde zu reiten ist anders. Wer aus dem klassischen Reiten kommt, muss umlernen, vor allem im Tölt. Statt aussitzen wie im Trab, wird der Tölt einfach durchgesessen, weil keine Schwebephase da ist. „Der Tölt ist so bequem und kann vom ganz langsamen Tempo bis ins schnelle Tempo geritten werden.“
Die Ausbildung des Pferdes ist auf Feinheit angelegt. Bernhard Podlech beschreibt das Ziel so: „Mit dem Pferd dann eben von Grund auf alles ihm beizubringen und nachher ein tolles Reitpferd zu haben, das ist eigentlich so das, was die Arbeit wirklich spannend macht und was mir besonders Freude bereitet.“ Und weiter: „Wenn man das schafft, das Ganze dann auch auf ein hohes Niveau zu bringen, sodass die Kommunikation immer feiner wird und das Pferd auf die kleinsten Hilfen reagiert, das macht einfach unheimlich Freude.“ Mehr unter Islandpferde reiten.
Sport und Turniere
Der Islandpferdesport ist eine eigene Disziplin. Es gibt keine Springprüfungen, keine Dressur im klassischen Sinn. Stattdessen Gangpferdeprüfungen. Viergang. Fünfgang. Töltprüfungen. Rennpassprüfungen. In der Viergangprüfung muss das Pferd Schritt, Trab, Galopp und Tölt zeigen, jeweils in unterschiedlichem Tempo.
Bernhard Podlech ist einer der erfolgreichsten deutschen Islandpferdereiter. Sein größter Erfolg liegt 2019, in Berlin. „Mein größter Erfolg ist der deutsche Meistertitel gewesen in der Tölt-Prüfung und auch der Vize-Weltmeister im Tölt-Preis“, sagt er, „beziehungsweise war ich auch auf dem dritten Platz in der Viergang-Prüfung auf der Weltmeisterschaft, und habe den Pferderleitpreis gewonnen.“ Der Pferderleitpreis wird einmal pro Turnier vergeben, für besonders harmonisches und feines Reiten. Bernhard hat ihn sich mit einem anderen Reiter geteilt.
Geld gibt es im Islandpferdesport nicht. „Wir haben jetzt im Islampferdesport keine Preisgelder, sondern da geht es um den Ruhm.“ Mehr zur Islandpferde WM 2027 und zur Weltmeisterschaftstradition.
Haltung
Islandpferde brauchen Bewegung, Herde, frische Luft. Stalldauerhaltung passt nicht zu ihnen. Auf dem Hof Hohenstein leben die Pferde in der Herde auf großen Koppeln. Die genügsamen Tiere sind dabei keine Verschwendung. Reichliches Heu, Bewegung, soziale Strukturen, das genügt. Mehr unter Pferdehaltung, Pferde Weide, Pferde Paddock und Pferde im Winter auf die Weide.
Lebenserwartung
Islandpferde werden alt. Je nach Haltung sind dreißig Jahre üblich, manche werden über vierzig. Wer ein Islandpferd kauft, kauft einen Begleiter für Jahrzehnte. Mehr unter Wie alt werden Islandpferde und Pferde Lebenserwartung.
Größe
Wie groß ist nun ein Islandpferd genau? Bernhard Podlech nennt 1,35 bis 1,50 Meter. Früher waren die Tiere kleiner. „Durch die Zucht und auch die besseren Haltungsbedingungen, die es in Island, beziehungsweise auch heute mittlerweile gibt, ist die Größe des Islandpferdes um einiges nach oben gegangen.“ Vergleiche mit anderen Rassen unter Pferde Größe und Wie groß sind Islandpferde.
Kauf und Preise
Islandpferde sind keine Schnäppchen, aber auch keine Statussymbole. Die Preisspanne reicht von einigen tausend Euro für junge oder noch nicht ausgebildete Tiere bis weit in den fünfstelligen Bereich für ausgebildete Sportpferde. Was den Preis ausmacht, sind Abstammung, Gangveranlagung, Ausbildungsstand, Turniererfolg. Mehr im Detail unter Wie viel kosten Islandpferde und im Ratgeber Islandpferde kaufen.
Wo man Islandpferde findet
In Deutschland gibt es einige Hundert Islandpferde-Zuchtbetriebe und Reitställe. Wer in der Nähe der Schwäbischen Alb wohnt, findet auf dem Islandpferdegestüt Hohenstein einen der Standorte mit drei Generationen Geschichte und einem starken Sportanschluss. Mehr unter Islandpferde in der Nähe und im Portrait Islandpferdegestüt Hohenstein.
Was Islandpferde besonders macht
Wenn man alles zusammennimmt, sind es nicht einzelne Punkte, die das Islandpferd ausmachen, sondern die Kombination. Klein, aber tragfähig. Bequem, aber schnell. Genügsam, aber leistungsbereit. Robust, aber sensibel. Bernhard Podlechs Lieblingsmoment ist nicht der Turniersieg, sondern der Ausritt im Alltag. „Wenn man so ein Pferd hat und dann bei schönstem Wetter ausreiten gehen kann, dann gibt es eigentlich nichts Schöneres im Leben.“ Mehr im Beitrag Islandpferde Besonderheiten.
Bernhard Podlech betreibt das Islandpferdegestüt Hohenstein und züchtet, reitet und bildet Islandpferde aus. Das ganze Gespräch mit Bernhard Podlech gibt es bei pekuu audiostories.
