Wer den 20-jährigen Steinhauser-Brandy aus dem Opa-Fass im falschen Glas trinkt, verliert etwa die Hälfte des Aromas, das in den letzten zwei Jahrzehnten ins Destillat gewandert ist. Eichennoten, Trockenfrüchte, die warme Mittelschicht aus dem selbstgebauten Holzfass, alles entfaltet sich erst, wenn die Aromen sich am Glasrand sammeln können. In einem geraden Schnapsglas funktioniert das nicht. Im Schwenker funktioniert es gut. In einer schmalen Tulpe funktioniert es manchmal besser.
Welches Glas für Brandy, ist daher keine Stilfrage, sondern eine Funktionsfrage. Hier die Optionen.
Der klassische Schwenker (Cognac Glass)
Das klassische Brandy-Glas ist der Schwenker, auch Snifter oder Cognac Glass genannt. Bauchige Form, oben zur Öffnung hin verengt, mit kurzem Stiel.
Vorteile: Sammelt die Aromen oben am Glasrand. Wer in der Handfläche wiegt, erwärmt den Inhalt sanft, was die Aromen freisetzt. Der bauchige Teil gibt viel Oberfläche fürs Schwenken, was die Aromen aktiviert.
Nachteile: Die große Öffnung lässt manchmal zu viel Alkohol-Dampf nach oben, was beim Anriechen unangenehm sein kann. Bei sehr aromatischen Brandys überwältigt die Alkohol-Note dann die feinen Aromen.
Wann er passt: Bei gut gereiften Brandys, bei klassischer After-Dinner-Atmosphäre, bei Verkostungen, in denen das Aroma-Spiel erkundet werden soll.
Die Tulpe (Tulip Glass)
Eine schmalere Form, mit bauchigem Mittelteil und deutlich nach oben verengtem Rand. Die klassische Form für Whisky-Nosing, funktioniert aber auch für Brandy gut.
Vorteile: Konzentriert die Aromen stärker als der Schwenker. Die verengte Öffnung filtert die Alkohol-Dampf-Komponente besser. Was an der Nase ankommt, sind die feinen Aromen statt der Schärfe.
Nachteile: Weniger Platz fürs Schwenken. Wer den Brandy lange durch das Glas drehen will, hat im Schwenker mehr Spielraum.
Wann sie passt: Bei sehr alten oder sehr aromatischen Brandys, bei denen die feinen Aromen wichtiger sind als die Alkohol-Präsenz. Beim 20-Jährigen aus dem Opa-Fass lohnt sich die Tulpe.
Der gerade Schnapsglas
Klein, gerade, oft mit dickem Boden. Klassisch für Obstbrände und kurze Schluck-Spirituosen.
Vorteile: Stabil, einfach zu reinigen, passt zu jedem Bar-Setup.
Nachteile: Sammelt Aromen kaum. Die Öffnung ist genauso breit wie der Bauch, daher entweichen die flüchtigen Aromen sofort. Bei einem premium Brandy ist das Verschwendung.
Wann er passt: Bei einfachen Obstbränden, in robusten Settings (etwa Garten, Veranstaltung). Beim premium Brandy ist er nicht die richtige Wahl.
Was die Glasform aromatisch macht
Aromen wandern aus dem Glas nach oben. Eine bauchige Form mit verengter Öffnung sammelt sie am Glasrand. Wer die Nase über das Glas hält, riecht das ganze Aroma-Bouquet.
Beim Brandy ist das wichtig, weil viele der wertvollen Aromen erst nach Erwärmung aus dem Destillat austreten. Wer den Brandy in einem geraden Glas trinkt, verliert diese Aroma-Schicht.
Die Temperatur spielt zusammen. Brandy soll bei 18 bis 20 Grad serviert werden, etwas wärmer als die meisten Edelbrände. Die Glasform unterstützt die Aromaentwicklung in dieser Temperaturzone.
Wer Steinhauser ist
Die Steinhauser Bodensee Hausbrennerei und Weinkellerei wird in sechster Generation geführt. Brennrecht seit 1828. Standort Kressbronn. Familienbetrieb. Im Sortiment Obstbrände, Wein aus der Kressbronner Berghalde, Brigantia-Whisky (2024 vom Verband als beste Whisky-Destillerie Deutschlands ausgezeichnet), SeeGin (IWSC-Trophy 2014), Rubo-Rum, 20-jähriger Brandy aus dem Opa-Fass, jüngere Brandys, Liköre.
Was im Brandstore Lindau verwendet wird
An der Bar im Brandstore in Lindau wird der 20-Jährige in der Tulpe serviert. Wer einen jüringeren Brandy bestellt, bekommt ihn oft im klassischen Schwenker. Die Wahl hängt vom Profil des Brandys ab. Junge, klare Brandys profitieren vom Schwenker. Alte, dichte Brandys profitieren von der Tulpe.
Wie man verkostet
Drei Schritte beim Brandy-Verkosten.
Erstens Glas in der Hand wiegen. Eine Minute. Die Körperwärme erwärmt das Glas leicht und holt die Aromen heraus.
Zweitens anriechen. Nase über das Glas, kurz schnüffeln. Was kommt? Eiche, Trockenfrüchte, Vanille, vielleicht eine leichte Karamell-Linie?
Drittens kleinen Schluck nehmen. Im Mund kreisen lassen. Wo geht das Aroma hin? In die Nase zurück? Im Rachen abklingen lassen.
Beim 20-Jährigen aus dem Opa-Fass lohnt es sich, die kleinen Mengen über längere Zeit zu trinken. Aroma-Entwicklung über zehn oder fünfzehn Minuten ist Teil des Erlebnisses.
Mehr über Brandy-Gläser und die Steinhauser-Familie im Podcast pekuu audiostories.
