Bioland-Umstellung
2007 trafen Josef und Johanna Warnke eine Entscheidung, die ihren Hof am Bodensee veränderte. Sie stellten von konventioneller auf ökologische Landwirtschaft nach den Richtlinien des Bioland-Verbands um. Ihre Tochter Linda Kelly erinnert sich genau an die Gründe. „Sie haben sich ein bisschen wie eine Marionette gefühlt in diesem System und haben einfach neue Perspektiven gesucht.“
Das System, das waren die Vorgaben der konventionellen Landwirtschaft. Welche Kultur anbauen, wann und wie düngen, wie spritzen, wohin verkaufen. Alles vorgegeben, wenig Spielraum. Die Warnkes wollten raus aus diesem Korsett. Und Bioland bot einen Weg.
Freiheit als Antrieb
„Der Wechsel in die ökologische Landwirtschaft hat einfach ein bisschen mehr Freiheit in der Gestaltung gebracht. Wie bewirtschafte ich meinen Hof selber, wie kann ich auch wieder selber entscheiden, welche Kultur ich anbaue, wie vermarkte ich sie“, erzählt Linda Kelly. Der Verband war die naheliegende Wahl. In der Bodenseeregion gab es schon mehrere Betriebe, die nach den Verbandsrichtlinien wirtschafteten und zeigten, dass es funktioniert. „Wir haben hier in unserer Bodenseeregion schon sehr viele Vorzeigebetriebe, die ökologisch wirtschaften.“
Der Verband ist der größte ökologische Anbauverband in Deutschland. Die Richtlinien gehen über das gesetzliche EU-Bio-Minimum hinaus. Strengere Regeln für Tierhaltung, Fütterung, Düngung und Pflanzenschutz. Für die Familie Warnke-Kelly bedeutete das konkret: keine synthetischen Düngemittel mehr, kein chemischer Pflanzenschutz, Kreislaufwirtschaft auf dem gesamten Betrieb.
Die ersten Jahre nach der Umstellung
Die Umstellung war kein Schalter, den man umlegt. Die offizielle Umstellungszeit beträgt zwei Jahre, in denen der Betrieb schon nach den neuen Richtlinien wirtschaftet, die Produkte aber noch nicht als Bio verkaufen darf. Zwei Jahre investieren, ohne den Mehrerlös für Bio-Ware zu erhalten. Das muss man sich leisten können. Und wollen.
Die Böden brauchen noch länger. In konventionell bewirtschafteten Böden hat sich über Jahre ein Gleichgewicht eingestellt, das auf synthetischem Input basiert. Wenn der Input wegfällt, muss der Boden sein eigenes Ökosystem aufbauen. Das Bodenleben muss sich erholen, die Nährstoffkreisläufe müssen sich einspielen.
Konkret heißt das: Regenwürmer kommen zurück. Mykorrhiza-Pilze breiten sich aus. Mikroorganismen zersetzen organisches Material und machen Nährstoffe pflanzenverfügbar. Das passiert nicht von heute auf morgen. Manche Betriebe berichten, dass der Boden erst nach fünf bis sieben Jahren sein volles Potenzial unter ökologischen Bedingungen erreicht.
Linda Kelly beschreibt den Kern der Veränderung: „Viel intensiver in Kreisläufen wirtschaften.“
Der Betrieb produziert, was er braucht. Das Futter für die Tiere wächst auf den eigenen Flächen. Die Fruchtfolge sorgt für gesunde Böden. Und die Lupine als Leguminose reichert Stickstoff an. „Die Lupine hat die Fähigkeit, Luftstickstoff über ihre Knöllchenbakterien im Boden anzureichern“, erklärt Linda Kelly. Was sie nicht selber braucht, bleibt für die nächste Kultur.
Auf 170 Hektar heute
Der Hof bewirtschaftet heute 170 Hektar Ackerfläche. Weizen, Gerste, Leguminosen, Mais und seit 2013 Süßlupinen. Dazu kommen Mastbullen, Mutterkühe und Zuchtpferde. Ein Betrieb, der genau so wirtschaftet, wie der Verband es vorsieht: abwechslungsreich, kreislauforientiert, mit kurzen Wegen.
Linda Kelly hat auf dieser Grundlage ihren eigenen Betriebszweig aufgebaut. Lupinello. Lupinenkaffee, Mehl, Flocken, Würze, Edelbrände. Vom Acker bis zum Paket. Das wäre ohne die Umstellung 2007 so wahrscheinlich nicht passiert. Im konventionellen System gab es wenig Raum für Experimente, wenig Anreiz, eine eigene Marke aufzubauen. Die Umstellung auf Bio hat diesen Raum geschaffen.
Was der Freiheitsgewinn wirklich bedeutet
Was Linda Kelly am meisten betont, wenn sie über den Wechsel zu Bioland spricht, ist nicht die Ökologie. Es ist die Selbstbestimmung. Die Möglichkeit, den eigenen Hof zu gestalten. Eigene Ideen umzusetzen. Fehler zu machen und daraus zu lernen. Statt Vorgaben abzuarbeiten.
2013, sechs Jahre nach der Umstellung, säte sie zum ersten Mal Süßlupinen auf einem Hektar. Ein Experiment. Heute ist Lupinello eine Marke mit über einem Dutzend Produkten, einem Online-Shop und Kunden in ganz Deutschland. Vier Jahre lang hat sie Lupinensamen von Hand sortiert, ohne Maschinen, ohne Garantie. „Wie Aschenputtel. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.“ Das geht nur, wenn man den Freiraum hat. Und den Mut dazu.
Für andere Höfe
„Jemand, für den das Herz für die Landwirtschaft schlägt, der findet immer irgendeinen Weg und eine Lösung“, sagt Linda Kelly. Ihre Empfehlung: mutig sein. „Sich vielleicht in die Nische trauen und nicht nur auf Größe setzen, sondern sich Sachen überlegen, die es hier noch nicht gibt, und sich da einen Markt aufbauen.“
Die Umstellung war für die Familie Warnke-Kelly der Startschuss. Nicht das Ziel, sondern der Anfang von etwas, das weit über den Hof hinausreicht. Und das mit einer Bratpfanne voller Rauch begann.
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