Wer auf der Hauptstraße durch Zußdorf fährt, sieht einen lebensgroßen Tiger aus Metall und Altreifen vor einem Fachwerkhaus. Im Fachwerk stecken Teile von Skulpturen. Das ist kein Dekoladen. Das ist das Atelier von Mirko Siakkou-Flodin. Hier entsteht Yard Art und Schrottkunst, die auf der ganzen Welt steht. Und im Metal Museum in Memphis, USA, in der permanenten Sammlung hängt.
Von acht Metern in Berlin bis elf Metern in Ravensburg
Viele halten Schrottkunst für eine Sache kleiner Formate. Tischskulpturen, Wandbilder. Mirko denkt anders. Seine Skulptur Panta Rhai in Ravensburg misst elf Meter. Edelstahl und Bronze. Der kinetische Jongleur im Malchower Park in Berlin-Lichtenberg ist acht Meter hoch und bewegt sich im Wind. Die Alexa am Alexanderplatz: neun Meter.
„So kann ich praktisch als Einzelperson arbeiten in großen Dimensionen.“ Das Geheimnis ist der Leichtbau. Rohre statt Vollmaterial. Sektionen, die einzeln transportiert und vor Ort verschraubt werden. Die Biegemaschine dafür hat er sich selbst gebaut. „Von außen kann man nicht sehen, ist das ein Vollmaterial oder ein Rohr.“ Yard Art und Schrottkunst in diesen Dimensionen wäre ohne diese Technik unmöglich.
Zehn Minuten für ein neues Material
Der Anruf aus Dubai. Sie brauchen keinen Metallkünstler, sondern einen Reifenkünstler. Mirko sagt: Gib mir zehn Minuten. Geht zum Autohändler, testet das Material. Ruft zurück. Baut ein drei Meter hohes Rennpferd im Vollgalopp auf der Jumeirah Beach, live, von 16 bis 24 Uhr.
Zwei Jahre später: Bridgestone braucht eine Promotion-Skulptur für den Ski-Weltcup. Einen Abfahrtsfahrer in doppelter Lebensgröße. Aus Altreifen. Die Winkel lieferte ein Institut in Innsbruck. Mirko baute sich ein Gestell, hängte sich rein, um die Haltung nachzuempfinden. Dann kam die Firma EMI: Großskulptur aus Plastikbechern. Auch das ging.
Red Bull wollte einen Pokal für die X-Fighters Motocross in Mexiko City. Mirko baute eine Kleinskulptur als Trophäe. Dinosaurier-Fußabdrücke auf parkenden Autos in Köln für die Odysseum-Eröffnung. Yard Art und Schrottkunst kennt bei ihm keine Grenzen, weil es nie nur um ein Material geht.
Jeder Mensch ist ein Künstler
In Travemünde bauen Schulkinder unter Mirkos Anleitung fünfeinhalb Meter hohe Windrad-Skulpturen aus Recyclingmaterial. In Bettenreute im Landkreis Ravensburg hat ein ganzes Dorf mitgebaut am Skulpturenweg „Pillars of Freedom“. Darüber ist ein eigenes Buch erschienen.
Das ist kein Zufall. Mirko lebt den erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys. Nicht als Philosophie, sondern als Praxis. „Ich lasse mitmachen und miterleben. Kinder, Jugendliche, Erwachsene.“ Weil er selbst so angefangen hat. In Werkstätten anderer Metallkünstler, in Dörfern in Afrika, in Ateliers in Japan.
Der Schrottplatz als Überraschung
Mirko geht erst auf den Schrottplatz, wenn ein Auftrag steht. Er sammelt nicht auf Vorrat. „Man findet Sachen, wo man sagt, daran hätte ich nicht gedacht und das ist sogar noch viel besser.“ Für ihn ist dieser Moment der eigentliche Kern. Nicht die perfekte Zeichnung, die exakt umgesetzt wird. Sondern der Raum für Überraschungen. „Es darf noch nicht komplett fertig ausgedacht sein.“
Yard Art und Schrottkunst, die noch nicht fertig gedacht ist, kann besser werden als geplant.
Mirko Siakkou-Flodin bei pekuu audiostories.
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