Zußdorf bei Wilhelmsdorf – Ein Metallatelier an der Hauptstraße

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Wer durch Zußdorf fährt, ist meistens auf dem Weg woanders hin. 6.000 Autos am Tag rollen an einem Fachwerkhaus vorbei, vor dem ein lebensgroßer Tiger aus Metall und Altreifen steht. Im Fachwerk stecken Teile von Skulpturen. Die meisten Fahrer bremsen nicht. Aber wer langsam genug fährt, sieht: Hier passiert etwas.

Hier, in Zußdorf bei Wilhelmsdorf, baut Mirko Siakkou-Flodin seit Jahrzehnten Skulpturen, die weltweit stehen. Eine elf Meter hohe Panta Rhai in Ravensburg. Eine neun Meter hohe Alexa am Berliner Alexanderplatz. Ein drei Meter hohes Rennpferd aus Altreifen in Dubai. Arbeiten im Metal Museum in Memphis, USA, in der permanenten Sammlung. Alles aus einer Scheune von 1837.

Wie ein Berliner nach Zußdorf kam

Mirko ist Berliner. Deutsch-Grieche. Gelernt hat er von 1980 bis 1986 im Atelier für Metallgestaltung von Achim Kühn in Berlin. Drei Jahre Lehre, drei Jahre Geselle. Danach Wanderjahre durch England, die USA, Japan, Afrika. Er hat in einem afrikanischen Dorf eine Glocke geschmiedet und das ganze Dorf hat gejohlt. Er hätte überall bleiben können.

Aber dann lernte er seine Frau kennen. „Das war irgendwie nicht die Großstadt, wir wollten aufs Dorf.“ Sieben Jahre haben sie getestet, ob es passt. Die Leute kommen mit ihnen klar. Sie kommen mit den Leuten klar. Dann das Anwesen in Zußdorf bei Wilhelmsdorf.

Die Scheune mit zwölf Metern Deckenhöhe

Das Atelier steckt in der Scheune. Zwölf Meter hoch, mit Kranbahn, Lufthammer, Plasmaschneider. Es riecht streng nach geschnittenem Stahl. Wenn Mirko danach im Dorfladen einkaufen geht, schnuppern die Leute und sagen: Du hast wieder Material geschnitten.

Viel fertige Kunst steht hier nicht rum. Mo Metallkunst arbeitet auftragsbezogen. Was hier entsteht, wird anderswo aufgestellt. In Firmengärten, an Fassaden, auf Plätzen, in Kreisverkehren. Pokale für Red Bull X-Fighters in Mexiko. Dinosaurier-Fußabdrücke auf Autos für die Odysseum-Eröffnung in Köln. Spielplätze am Bodenseeradweg. „Ich mache eigentlich wenig Ausstellung oder Galeriekunst, sondern vor allen Dingen auftragsbezogene Kunst.“

Zwei Bücher, ein Museum, null Social Media

Über Mirkos Arbeit sind zwei Bücher erschienen. „Metalldesign International“ beim Verlag Hephaistos, dreißig Seiten über seine Werkgruppen. Und „Pillars of Freedom“ beim NIBE Verlag, über das Zusammenarbeitsprojekt in Bettenreute, wo ein ganzes Dorf eine Skulptur mitgebaut hat.

Im Metal Museum in Memphis hängen seine Arbeiten in der permanenten Sammlung. Auf Instagram und Facebook ist er nicht. Stattdessen: ein lebensgroßer Tiger an der Hauptstraße in Zußdorf bei Wilhelmsdorf. Das ist sein Marketing.

Recycling bis in die Wohnung

Im Anbau von 1956 wohnt die Familie. Türen aus einem Abbruchhaus der Gründerzeit. Flaschen in Steinwänden. 80 Prozent Upcycling-Quote seit 1996, Ökostrom seit 2000. „Guck mal, man muss nicht alles neu kaufen.“

Aktuell baut er Mühlsteine, die wie die weißen Siloballen auf den Feldern rund um Zußdorf aussehen. Oben ein Turm, unten ein Mühlespiel. Landschaft wird Kunst wird Spiel. So denkt Mirko. Und so arbeitet er, 20 Kilometer von Ravensburg, in einem Dorf, durch das 6.000 Autos am Tag fahren.


Mirko Siakkou-Flodin bei pekuu audiostories.

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